Grosse Transformation und Welt-Krise

«Wir müssen das Defizit und die Schulden als Angelegenheit der nationalen Sicherheit betrachten, nicht nur als ökonomisches Problem.»

Hillary Clinton vor dem US-Kongress, Februar 2010

  

Grosse Transformation und Welt-Krise

Die derzeitige Krise hat keine historischen Vorbilder. Was wir heute als Finanz- und Wirtschaftskrise wahrnehmen, ist keine „Grosse Depression“ sondern ein grosser gesellschaftlicher Transformationsprozess – eine tiefgreifende Kontroll- und Systemkrise, die uns in eine Neue Welt führt.

Die Grosse Transformation zum humanen Funktionismus

Wirtschaft und Gesellschaft gehen durch eine der größten Umwandlungen, die es geschichtlich je gab. Ich nenne diese die „Große Transformation“ von einer alten Welt zu einer neuen Welt.

Die alte Welt von Kapitalismus und Sozialismus geht unter, weil eine neue Welt entsteht. Sie tut dies, weil durch die Alte Welt Bedingungen geschaffen wurden, denen sie selbst nicht mehr gewachsen ist. Für die Ordnung der Neuen Welt, deren Merkmale vorerst nur skizzenhaft erkennbar sind, wähle ich versuchsweise die Bezeichnung „Humaner Funktionismus“, um aus dem begrifflichen Gefängnis der alten Polarität von Kapitalismus und Kommunismus, resp. Sozialismus heraus zu kommen und einen neuen Weg des Verstehens aufzuzeigen.

Der vor sich gehende Wandel macht buchstäblich ein neues Weltbild nötig, vergleichbar dem Übergang vom Scheibenmodell der Erde zum Kugelmodell. Die neuen Realitäten des 21. Jahrhunderts erfordern daher auch auf allen Ebenen der Gesellschaft andere Formen von Regieren und Regulieren, von Lenken und Steuern – kurz, ein radikal anderes Management als jenes des 20. Jahrhunderts.

Thesen für die neue Welt des 21. Jahrhunderts

Die mir am wichtigsten erscheinenden Beobachtungen für das 21. Jahrhundert fasse ich in 14 Thesen. Sie sind Markierungen, um globales Geschehen zu verstehen, mediale Berichterstattung einzuordnen, das Verhalten der Menschen einzuschätzen und komplexe Systeme wirksam zu lenken, zu entwickeln und zu gestalten – d. h. zu managen.

  1. Die komplexen Systeme des 21. Jahrhunderts sind zwar durch die Erfolge der Denkweisen und Methoden des 20. Jahrhunderts entstanden, aber sie können mit eben diesen nicht mehr gemanagt werden, weil die Systeme global dafür zu komplex geworden sind.
  2. Das 21. Jahrhundert hat in den Tiefenstrukturen bereits radikaleren Wandel mit sich gebracht, als an der Oberfläche wahrgenommen wird. Nicht nur ein Paradigmen-wandel findet statt, sondern ein Wandel der Kategorien, in denen wir Paradigmen als solche wahrnehmen.
  3. Die kategorialen Dimensionen des neuen Weltbilds heißen Komplexität, System, Funktionieren, Control, Selbstorganisation, Information, Nicht-Linearität, Wissen und Erkenntnis.
  4. Die globalen Gesellschaften transformieren sich zur Komplexitätsgesellschaft – in Mutationsschritten von der Gesellschaft von Individuen zur Gesellschaft von Organisationen zur Gesellschaft von Systemen –, die komplex sind. Aufgrund ihrer Komplexität haben sie Eigendynamiken, die ein grundlegend anderes Management als bisher verlangen.
  5. Wissen ist wichtiger geworden als Zeit und Energie, Information wichtiger als Geld, die gezielte Selbstorganisationsfähigkeit von Unternehmen wichtiger als Macht.

 

Alle vierzehn Thesen von Prof. Dr. Fredmund Malik finden Sie im Buch Unternehmenspolitik und Corporate Governance.